ge-Ahnt

Ich habe seit einiger Zeit steigendes Interesse daran, meine Herkunft genauer zu beleuchten. Das bezieht sich auf mehrere Aspekte: Wo liegt der Ursprung meines Familiennamens? Was ist der historische Background für die Auswanderung, die meine Vorfahren im 18. Jhd. vollzogen haben? Wer sind überhaupt meine Vorfahren, bis in welche Generation kann ich das noch nachvollziehen und noch ein paar Details mehr interessieren mich.

Angefangen habe ich damit, das bereits erfasste Wissen bezüglich meiner Ahnen aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen und in einem geeigneten Programm zu erfassen. Allein das dauert nun schon drei volle Tage an und ich bin immer noch bei der Ahnenreihe meines Vaters. Von meiner Mutter habe ich außer ihr selbst noch immer nichts erfasst. Wie soll das bloß weitergehen, wenn die freien Weihnachtsfeiertage wieder vorbei sind? 😉

Jedenfalls ist diese Arbeit auf unerwartete Weise viel spannender als ich es gedacht hätte. Mein Eindruck ist, dass ältere Menschen mehr über dieses Thema und speziell ihre Vorfahren sprechen, als die Jungen. Und die Alten erzählen gerne davon, auch wenn sie sich dabei wiederholen. Indigene Völker legen auch meist sehr großen Wert darauf, die Geschichte ihrer Herkunft an die jungen Generationen aktiv weiterzugeben. Oft werden diese Erzählungen in Riten verpackt und ihnen wird etwas magisches bescheinigt.

Nach nur kurzer Arbeit an diesem Thema bin ich ebenfalls etwas verwundert darüber, wie viel Leben jetzt schon in mein Zimmer herein und wieder hinausgeschwirrt ist, vieles hat mich berührt, viele Daten erzählen von Schwierigkeiten vergangener Leben, die bewältigt wurden oder irgendwie hingenommen wurden und verarbeitet werden mussten. Mit dem Bewusstsein, dass diese Menschen als eine der vielen Früchte ihrer Anstrengungen mich hervorgebracht haben, berührt mich das alles viel mehr, als ich gedacht hätte.

Hier mal ein paar Dinge, die mir so durch den Kopf gehen, während ich die Daten einfach nur erfasse:

  • An einigen Stellen wird deutlich, dass neben der Liebe, die zwei Menschen zu Ehepartnern werden lässt, auch die Bedeutung der Zweckgemeinschaft steht. Die Liebe kann ich aus den blanken Zahlen natürlich nicht herauslesen. Ich sehe aber, dass kein(e) Witwe(r) lange alleine bleibt. Immer wird sehr kurze Zeit, nachdem ein Ehepartner verstirbt, erneut geheiratet. Jedoch bin ich noch auf keine Ehe gestoßen, die nicht durch Tod eines Partners beendet wurde.
    Ich vermute, dass durch die typische alte (heute nicht mehr gerne gesehene) Rollenverteilung ein Mann nicht ohne eine Frau zurecht kam und anders herum genau so wenig. Sogar bei meinen beiden noch lebenden Opas sehe ich das: sie haben beispielsweise noch nie in ihrem Leben gekocht, was täten sie ohne die Oma…
  • Viele Kinder. Meine Vorfahren mussten zu den größten Teilen Felder bestellen, um Leben zu können. Teilweise für die eigenen ‚hungrigen Mäuler‘ und anderen Teils auch für den Lohn, der dadurch erwirtschaftet wurde. Haus und Hof verlangten auch nach vielen anpackenden Händen. Zusätzlich waren damals (wie auch heute noch in Entwicklungsländern) die Kinder eine Art Rente. Waren die Eltern alt und konnten nicht mehr für sich sorgen, so taten das ihre Kinder.
    So ist es nicht verwunderlich, dass Familien mit mehr als zehn Kindern keine Seltenheit sind. Wobei man auch beachten muss, dass die Sterberate bei Säuglingen und Kleinkindern sehr hoch war. Auch das ist etwas, das mich sehr berührt: die ganzen kleinen Kinder, deren Geburts- und Sterbedaten ich eintrage. Jedes einzelne Kind tut mir ein wenig leid, auch wenn ich mir sage, dass ich mir das nicht zu Herzen nehmen soll. Sie schweben aber nun einmal kurz in mein Zimmer und fliegen als Knirps wieder hinaus.
  • Aberglaube hin oder her. Ich finde es auffällig, dass nach einem Kindstod dem nächstfolgenden Kind (die Abstände waren meist sehr kurz, maximal ein Jahr) der gleiche Name wie dem eben verstorbenen gegeben wird. Ich glaube, heutzutage würde das eher vermieden werden, wenn ich die breite Masse mal so einschätzen darf. Vielleicht liegt das ja ganz profan daran, dass damals die Vielfalt der Namen, die vergeben wurden und damit die bestehende Auswahl, sehr mickrig war!?
  • Ein dennoch schöner Gedanke, der mit diesen jung verstorbenen einhergeht, ist dieser:
    Eben vorhin habe ich einen kleinen Peter notiert. Er wurde 1839 geboren und starb 1842 noch vor seinem dritten Geburtstag. Ich stelle mir einen Säugling vor, einen kleinen Bub, der schon durch das Haus tapst und versucht, seine Welt zu erfassen, bis er eines Tages – ob durch Krankheit oder eine Art plötzlichen Kindstod weiß ich nicht – diese Welt wieder verlässt. Er hat nicht viel bewirkt, keinen Nachwuchs hinterlassen und wird daher in dem verzwickt verzweigten Ahnenbaum nicht mehr an anderer Stelle erscheinen. Dennoch, mehr als 170 Jahre nach seinem Tod ist er nicht vergessen. Er war hier in meinem Zimmer, ich habe seinen Namen getippt, seine Geburts- und Sterbedaten und ihn seinen Geschwistern zugeordnet. Er nimmt an dieser Stelle genauso viel Platz ein, wie die großen, die später geheiratet und sich vermehrt haben.
  • Ich bin ja, wie schon erwähnt, noch beim blanken Erfassen der bereits vorliegenden Informationen. An einigen Stellen hat sich schon gezeigt, dass es Lücken gibt, die wohl auch durch andere mir verfügbaren Quellen nicht gefüllt werden. Bevor ich aber daran denke, weiter zu forschen und noch nicht niedergeschriebene Daten zu sammeln, will ich die vorliegenden zunächst komplett aufnehmen.
    Was mir dabei immer klar wird: diese „Forschung“ bestünde zu größten Teilen ja darin, Lebende zu deren Wissen zu befragen. Hätte ich vor mehreren Jahren damit angefangen, dann wäre mein Urgroßvater noch da gewesen, der bis zu seinem Tod mit 95 geistig fit war. Er hätte sicher einige der offenen Fragen beantworten können. Und die, die jetzt noch leben, wie lange soll ich noch auf ihr Weiterleben hoffen? Habe ich die Zeit, erst die Datenerfassung zu beenden? Oder soll ich parallel ‚arbeiten‘?
    Grundsätzlich muss ich mir ja auch die Frage beantworten, wie intensiv ich das überhaupt betreiben will. Schön wäre es natürlich, möglichst alle noch zu ergatternden Daten zu haben, aber ob ich den riesigen Zeitaufwand dafür aufbringen kann, ich weiß es nicht. Ich bin ja am vierten (Urlaubs-)Tag jetzt immer noch mit der Erfassung der Vorfahren meines Vaters beschäftigt. Meine Mutter kommt erst noch…
  • Spannende Dinge entdecke ich für mich, die mich anspornen, weitere Informationen zu suchen. Beispielsweise weiß ich nicht, warum eine Familie, nachdem sie bereits drei Kinder an einem Ort geboren hat, auf einmal aufbricht und sich knapp dreihundert Kilometer weiter in einem anderen Land niederlässt und dort noch die restlichen Kinder zur Welt bringt. Vertreibung? Ließ das ‚alte‘ Land eine erfolgreiche Bewirtschaftung nicht mehr zu?

    Vielleicht könnte ich die Liste noch fortführen, wenn ich sie weiterhin als Entwurf geöffnet lasse, während ich an dieser Sache dran bleibe. Denn dauernd kommen neue Eindrücke auf mich zu. Aber ich möchte hier vorerst beenden und den Text abschließen.

    Ein Wort vielleicht noch zu der Software, die ich nutze, um diese Daten zu erfassen: nach einem ersten nicht zufriedenstellenden Versuch bin ich bei Gramps gelandet und damit sehr glücklich. Auch die Export und Konvertierungsmöglichkeiten sind großzügig. Das kann wichtig sein, wenn man die Daten an anderer Stelle bereitstellen oder weiterverarbeiten will. So gebe ich etwa meinen Angehörigen Lesezugriff auf das bisher von mir Gesammelte über web und nutze dafür die Software webtrees. Der Export/Import der Daten klappt mit diesen beiden Systemen hervorragend und webtrees bietet auch gute Ansichts- und Berichtmöglichkeiten.

4 Gedanken zu „ge-Ahnt

  1. Etosha

    Was für ein stressiger Jahresbeginn – offensichtlich. Denn diesen Eintrag hab ich erst heute gefunden.

    Ich hoffe ein bisschen, dass ich auch zu deinem wiedererwachten Interesse beigetragen haben könnte. Finde es jedenfalls schön, wie dem auch sei. Die Gedanken, die du dazu zusammengetragen hast, haben mich sehr berührt, ähnlich ging es mir auch immer wieder, wenn ich Daten erfasst habe von Menschen, die schon lange nicht mehr sind, deren Leben aber offensichtlich etwas mit meinem zu tun hat, oft im direktesten Sinne.

    Danke, dass du auch die Software erwähnt hast, ich suche schon lange einen Nachfolger für Parson’s Ahnenforscher, den ich jahrelang genutzt habe, dann versagte er aber endgültig beim Umstieg auf Windows 7. Ich werd mir das gleich mal ansehen.

    Ich hab die Sache mit den Vertreibungen/Umsiedlungen auch mal nachgeguckt, und meiner Mutter davon erzählt, die sich auch für dieses Thema interessiert. Ist zwar doch eine ganz andere Ecke, als ich dachte, aber dennoch sehr interessant, aus dieser Ecke der Welt zu stammen. Weitermachen! 🙂 Und bitte schreib wieder was drüber, ich finde das sehr schön!

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  2. Etosha

    Achja, was ich eigentlich sagen wollte *gg*: Krall dir die Menschen, die dir noch was erzählen können, JETZT. Öde Eingabearbeit kannst du noch in deiner eigenen Rente machen, aber die Menschen mit den Geschichten, die sterben dir unter den Fingern resp. Ohren weg, so schnell kannst gar nicht schauen. Glaub mir 🙂

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  3. Iwi

    Hey Etosha,

    schön, dass es dir in gewisser Weise zugesagt hat, das zu lesen. Es ist durchaus so, dass du das Interesse an diesem Thema wenn nicht entfacht so doch geschürt hast! Mit der Software von Gramps bin ich nach wie vor sehr zufrieden, allerdings nicht so ganz mit dem Import bei webtrees. Da wird doch ab und zu einiges verschluckt. Bisher hatte ich aber keine Zeit, mich da nochmal genauer umzusehen, auch deshalb, weil mir dieser Aspekt nicht so wichtig ist. Hauptsache ich habe es hier bei mir (natürlich mit backup) sicher aufbewahrt.

    Und der weitere Punkt, warum es gerade nicht so schnell mit der Erfassung in dem Programm weiter geht ist, weil ich Omas und Opas noch um Infos frage – wie du ja schon sagst – so lange das noch geht. Da taucht tatsächlich das ein oder andere Büchlein auf, das Infos enthält, die ich sonst noch nicht gefunden habe und schöne Geschichten werden erzählt. Auch wenn ich viele schon kenne, so ist es doch immer wieder schön, die Großeltern freudig erzählen zu sehen.

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  4. Etosha

    Wunderbar! Das freut mich sehr! Hey, und was heißt da „in gewisser Weise zugesagt“? Gnihi, wieso dieses Understatement? Hab ich mich irgendwie zu zurückhaltend ausgedrückt? Ich finds toll, dass du das machst, und noch toller, wie du drüber schreibst. So vieles hatte ich auch schon so oder ähnlich empfunden, aber nie ausformuliert. Der kleine Peter.. und solche Dinge. Es sagt mir also nicht nur in gewisser Weise zu, sondern ich finds ABSOLUT SUPER. 🙂 Und sehr gut, dass du mit der Befragung begonnen hast – ist 100%ig besser als umgekehrt!

    Ich hab ja mal Aufnahmen auf einer Minikassette, die mein Vater im „Interview“ mit meinem Großvater gemacht hatte, transkribiert und dann ein kleines Büchlein draus gemacht, für meinen Pa zum Geburtstag – so mit den erzählten Geschichten in geschriebenem O-Ton, Bildern aus der alten Zeit, mit Landkarten für bessere Übersicht und so… Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, auch die Recherche. Hätt ich sonst nix zu tun, ich könnte das den ganzen Tag machen! Es gibt so viele Daten im Netz, über alte tschechische Orte und ihre früheren deutschen Namen zB, es ist alles da, man muss es nur finden. Und das liebe ich 🙂

    Gramps hab ich mir runtergeladen und benutze es bereits. Endlich konnte ich ein paar auf Schmierzetteln gesammelte Infos nachtragen. Also nochmal wärmsten Dank für den Tipp. Mit der Intuition haut’s zwar nicht so hin zwischen Gramps und mir, aber ich lese mich durch die Wiki.

    Export hab ich noch nicht probiert, wär aber toll! Gibts dann auch eine Kommentarfunktion, wo die Besucher Daten nachtragen können? DAS wär DAS GRÖSSTE! Dann könnte meine tschechische Familie da mal reinschauen und komplettieren – ach, wie schön wär das!

    Wollen wir dann mal Daten austauschen, so zum Stöbern? Oder ist dir das zu privat?

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