Wegen mir is deinetwegen nur optional

Es war für mich bis vor einiger Zeit immer so natürlich, so wohlklingend selbstverständlich wenn ich „wegen dir“ sagte, hörte oder las. Jetzt wurde ich aber immer häufiger deswegen kritisiert und zurechtgewiesen. Zurecht auch, denn die Regeln der deutschen Grammatik sprechen eine klare Sprache. Zu ‚wegen‘ gehört nun mal der Genetiv und nicht der Dativ, so die Regel.

Doch mein Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, das wollte einfach nicht schwinden. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dieses Gefühl am besten durch mein Verständnis über das Zustandekommen von grammatikalischen Regeln zu beschreiben ist.

Sprachliche Regeln entstanden historisch gesehen quasi von selbst. Nein nicht von selbst, sondern durch den Gebrauch der Sprache in Völkergruppen. Es gab ungeschriebene Übereinkünfte darüber, was korrekt und was falsch ist. Irgendwann wurde damit begonnen, diese Regeln festzuhalten und zu notieren. Das macht natürlich viel Sinn: damit kann man Verständnis schaffen, Menschen das Lernen fremder Sprachen erleichtern, man schafft Begriffe, mit denen man gezielter über Sprache selbst reden kann u.v.m.

Und da ist auch schon das Zentrum dessen, was mich nicht zur Ruhe kommen ließ: Was korrekt und was falsch ist, wird von den festgehaltenen grammatikalischen Regeln nicht bestimmt, sondern beschrieben. Festgelegt wurde und wird es von den Sprechern/-innen einer sprachlichen Gemeinde. So ist natürlich auch heute noch Sprache im Wandel und die Regularien werden regelmäßig angepasst. Es ergibt sich von selbst dass die Beschreibung der Konventionen des Sprachgebrauchs immer zeitlich der eigentlichen Entwicklung und damit dem aktuellen Stand hinterher hinken muss.

Ich habe auf den Seiten des Instituts für deutsche Sprache einen Artikel von Bruno Strecker gefunden, der mir aus der Seele spricht. Er untersucht prinzipiell das gleiche am Phänomen des Gebrauchs von „diesen Jahres“ oder „dieses Jahres“. Details könnt ihr dort nachlesen, was er aber abschließend zu der Frage sagt, wie man damit umgehen soll, dass die eine Variante den festgehaltenen Regeln entspricht und die andere nicht, trifft genau den Punkt:

Worauf könnte sich eine Zurückweisung stützen? Sicher nicht darauf, dass die Form diesen nicht akzeptiert wird, denn sie wird faktisch von sehr vielen akzeptiert. Ebenso wenig darauf, dass hier eine Regel des Deutschen verletzt würde, denn, was hier als Regel des Deutschen gelten kann, steht ja gerade in Frage. Verletzt wird allenfalls, was sich Grammatiker in ihrem Bemühen um eine systematische Erfassung des Sprachgebrauchs zurechtgelegt haben, doch mit welchem Recht sollte der formale Zusammenhang, den sie sehen, Vorrang haben vor dem eher sachlichen Zusammenhang, den Sprachteilhaber sehen, die diesen verwenden, wo jene dieses erwarten?

Seine Aussage, dass die in der Kritik stehende Form faktisch sehr wohl akzeptiert wird, ist ganz einfach auf seiner davor erläuterten Recherche begründet, die zeigt, dass „diesen Jahres“ seit einiger Zeit sehr häufig verwendet wird, letztlich in einem Gleichgewicht zu der Verwendung von „dieses Jahres“ steht. Hier treffen wir uns an dem Punkt, dass der Gebrauch von Sprache bestimmt, welche Regeln gelten und nicht ausschließlich die bis dato festgehaltenen.

Um zurück zu kommen zu „wegen dir“: es mag sein, dass dieser Ausdruck im süddeutschen Raum verbreiteter ist als im Norden. So könnte man es als Dialekt abtun. Ich habe zwar keinen Zugang zu Archiven von Sprachinstituten, aber google zeigt mir ein doch etwas überraschendes Ergebnis. Bei der Suche nach „wegen dir“ erhalte ich 622.000 Treffer, bei der Suche nach deinetwegen nur 155.000. Die Verwendung scheint zumindest im Internet also durchaus verbreiteter zu sein und sich nicht nur auf eine Minderheit zu beschränken.

Ich gebe nach wie vor den Kritikern von „wegen dir“ insofern Recht, dass ich mich mit der Verwendung von „deinetwegen“ zweifellos auf sicherem Terrain bewege. Den Gebrauch von „wegen dir“ aber als falsch zu bezeichnen finde ich inkorrekt. Wahrscheinlich wird diese Form in einigen Jahren sogar im Duden Einzug erhalten und ich wehre mich dagegen zu sagen, dass die Nutzung bis zu diesem Zeitpunkt falsch ist. Grammatiker sind einfach zu langsam und verständlicher Weise auch zunächst erst einmal scheu, solche Abwandlungen gleich aufzunehmen. Aber nach wie vor sehe ich sie in einer beschreibenden und nicht bestimmenden Funktion.

Meinetwegen dürft ihr also auch „wegen mir“ schreiben.

Gruß aus Franken 🙂

3 Gedanken zu „Wegen mir is deinetwegen nur optional

  1. Etosha

    Bei manchen Dingen schmerzt es halt weniger, bei anderen mehr. Das ist vermutlich bei jedem gleich, nur im Detail anders gelagert. Du würdest deinen Sohn auch korrigieren, wenn etwas, das er sagt, in deinem Sprachempfinden falsch ist. Mich stört „wegen mir“ nicht. Mich stört dafür, wenn tausend Leute Standard mit einem t hintendran schreiben und das irgendwann so populär ist, dass es als richtig gilt. Auch dagegen kann ich nichts unternehmen, außer das falsch geschriebene Wort hier eben NICHT anzuführen, damit meine Kritik nicht auch noch als Beleg für 1x Falschschreibung in die Statistik eingeht. In weiterer Folge machen die Leute nämlich genau, was du gemacht hast: sie googeln und vergleichen die Anzahl der Ergebnisse, um festzustellen, was richtig ist, und klicken nicht einen der erhaltenen Links an.

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  2. Arthur Artikelautor

    Das mit dem googlen und deine Konsequenz daraus, das in deinem Empfinden falsche Wort hier absichtlich nicht zu schreiben, ist ein guter Punkt. Somit kann ich sicher nicht behaupten, dass meine gefundenen Treffer, die ich natürlich nicht geklickt habe, alle einer Verwendung des Ausdrucks entsprechen. Die Kritiken desselben finden sich logischer Weise auch in dieser Menge. Da hast du recht! Gleichwohl glaube ich aber, dass die Treffer mit der Diskussion des Begriffs selbst das Gesamtverhältnis nicht maßgeblich beeinflussen. Erstens weil die Verwendung im normalen Sprachgebrauch m.E. die der Meta-Nutzung deutlich übersteigt und zweitens deshalb nicht, da selbst bei einer Diskussion über das Wort/den Gebrauch i.d.R. die vermeintlich korrekte Variante im gleichen Text enthalten ist. So wie ja etwa auch in meinem Artikel.

    Was meinen Sohn bzw. Spracherziehung angeht stimmt es, dass ich verbessere. Allerdings mache ich das fast immer nur, in dem ich seine Aussage wiederhole: „Der Junge hat mich gemögt.“ Ich: „So, der Junge hat dich also gemocht?“ so dass er an Hand des Gebrauchs der Sprache selbst sieht, was eingesetzt wird. Aber es stimmt natürlich, dass ich damit das Ziel verfolge, seine Sprachanwendung zu lenken. Ich denke aber, dass das Phänomen bei Kindern, die noch im Begriff sind, Sprache erst zu erlernen, nicht gleichzusetzen ist mit dem einer breiten Masse in der Bevölkerung bei der sich Konventionen etablieren.

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  3. Etosha

    Genau genommen ist es aber statistisch so, dass wenn ich die falsche UND die richtige Variante in einen Kommentar schreibe, alles ein Nullsummenspiel bleibt, 1:1. Wenn ich NUR die richtige Variante schreibe, hat diese hingegen einen Treffer mehr als die falsche.

    Deine Wiederholungstaktik finde ich sehr liebevoll. Hätte ich mir eigentlich denken können. 🙂

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